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„Boomtown“ damals und heute – eine Erwägung
06|03|2013



Besonders beliebt waren auch nach "Eickis" eigentlicher Amtszeit die Bieranstiche, wie hier bei "Fedderwardergroden macht Spass" im Jahre 2006 [links im Bild: Gerhard Eickmeier, ehemaliger Oberstadtdirektor].

Der Rat der Stadt Wilhelmshaven befindet sich in einem fiskalischen Wildwasser mit besorgniserregenden Klippen.

Wenn auch im Grunde nichts Neues, stellt sich die Haushaltslage mit 270 Millionen Euro Schulden zurzeit besonders bedrohlich dar, umso mehr, da diese Situation unmittelbar an den Versuch anknüpft, die räumlichen Vorteile für einen Tiefwasserhafen und Umschlagplatz für globale Wirtschaftsströme zu nutzen. Hierfür wurden riesige Geldströme bewegt, und Umweltschäden an Rinnen, Watten und Stränden durch das Argument tausender neuer Arbeitsplätze und zukünftiger enormer Kaufkraft gerechtfertigt.

Vor etwa drei Jahrzehnten sah die Lage ähnlich aus. Zunächst wurde in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Wilhelmshaven rasant zum Industrierevier aufgepäppelt. Riesige Neulandflächen wurden an der Jade aufgespült und günstig vermarktet. Ölhafen und Pipeline wurden ausgebaut, Umschlagbrücken entstanden, ICI, Mobil Oil und Alusuisse siedelten an, ein Flüssiggas-Terminal wurde geplant.

In einem Brief vom Oktober 1982 schrieb der damalige Oberstadtdirektor von Wilhelmshaven, Dr. Eickmeier, an den damaligen Bundeskanzler Dr. Kohl:
„Wir haben uns dabei der aus den natürlichen Meeresverhältnissen sich ergebenden Sonderaufgabe, Tiefwasserhafen für Superschiffe und Industriestandort für Grundstoffindustrieunternehmen zu sein, angenommen…“[1]

Im selben Brief wies der damalige Oberstadtdirektor darauf hin:
Wilhelmshavens Rechtfertigung der in Kauf genommenen Umweltbeeinträchtigungen sei das Erreichen der unerlässlichen Finanzkraft, um 100.000 Bürgern eine stabile Heimat auf- und ausbauen zu können. Das koste – so der Oberstadtdirektor – eine Million DM täglich.“[2] 
 
Trotz rasanter Inwertsetzung des Jaderaumes und in Kauf genommener Opfer an Umwelt und Landschaft blieb das erhoffte Wirtschaftswunder aus. Recht bald ließ das Interesse der großen Wirtschaft am Standort an der Jade nach. Eickmeier klagte im Kohl-Brief:
„Der erreichte Status droht wieder zusammenzubrechen. Unsere Gewerbesteuern sind in diesem Jahr von 81 auf 41 Millionen Mark zurückgegangen, weil prognosewidrig auch die Öl- und Energiewirtschaft, nicht mehr geht’.“ [3] 

Ähnlich wie heute folgte dem Boom die Finanzkrise mit städtischer Einbußen:
Öffentliches Eigentum soll gegen klingende Münze an den Meistbietenden verkauft werden. In Betracht kommen drei städtische Altenheime, ein Parkhaus im Zentrum, die kommunale Jade-Schiffahrtsgesellschaft und die Müllabfuhr. Sozialhilfeempfänger dürfen demnächst die Strände reinigen und Lehrer in den Schwimmbädern als Bademeister arbeiten. Die Kindergärten erhalten weniger Zuschüsse. Das Frauenhaus wird abgeschafft, der städtische Liniendienst eingeschränkt; die Temperatur in den Turnhallen gesenkt und das Kinder- und Jugendzentrum geschlossen. Um die Einnahmen der Stadt zu erhöhen, beabsichtigte der Stadt-Chef, u.a. die Hundesteuer anzuheben….“ .[4]   

Die Hundesteueranhebung scheint damals wie heute ein probates Mittel zur Teilsanierung des Stadtsäckels zu sein. Allerdings bekommen Bürger nur sporadisch mit, wo überall öffentliche Ausgaben reduziert werden. So hörte ich neulich nur durch Zufall, dass Schülertoiletten einer hiesigen Schule nur noch 2- bis 3-mal pro Woche geputzt werden könnten!

„Boomtown“ Wilhelmshaven hat in 30 Jahren zwei Schübe mit negativen Entwicklungswirkungen verkraften müssen. Manche mögen fragen, warum diese Kommune nach jeder der säkular wiederholten Ansiedlungen von Großindustrien mit immensen Ausgaben von Steuermitteln fiskalisch instabiler wurde. Naheliegend wäre, Ursachen der negativen Entwicklung in menschlicher Fehlleistung zu suchen, worüber auch die Autoren Günter Handlögten und Henning Venske berichten[5]. Wenn auch viele diese Veröffentlichungen ablehnen, sollte nicht vergessen werden, dass es sich um Resultate gründlicher und langwieriger Recherchen aus jener Zeit  handelt, in der Wilhelmshaven zum ersten Mal Industrierevier wurde.

Günter Handlögten schrieb in einem Brief an Henning Venske:
 „Du weißt, ich beschäftige mich schon lange mit Wilhelmshaven und der Gegend am Jadebusen. Habe auch hin und wieder etwas von meinen Recherchen veröffentlicht. Da geschehen Dinge, die sind doch recht beeindruckend. Wie die engen Beziehungen zwischen Verwaltung und Industriegiganten sich auswirken, wie der Filz zwischen Administration und Kapital unter Umgehung der Kommunalpolitiker die Bewohner dieses Landstriches in die Mangel nimmt – das hat besonders Qualitäten…:  hier ist eine verhältnismäßig kleine Clique mit nichts anderem beschäftigt, als ununterbrochen neue Sachzwänge zu schaffen.“.[6]


Im Zusammenhang mit Gerhard Eickmeier nimmt das Buch Dreckiger Sumpf einen ganz besonderen Platz ein. Es gilt als Katalysator für die Absetzung als Oberstadtdirektor.

Nicht immer positive Schlagzeilen rankten sich in jener Zeit u.a. um Dr. Eickmeier, der 1968 zum Oberstadtdirektor Wilhelmshavens berufen und 1983 von seinem Posten abgewählt wurde [im Magazin der Süddeutschen Zeitung vom 20.10.1995 stand: „wegen Verfilzung“]. Jüngst tauchte der Name wieder in der Presse auf: Herr Föhlinger, Vorsitzender der Ratsfraktion der SPD und des Ortsvereins West, lud den Oberstadtdirektor a.D. zu einem Vortrag vor dem Ortsverein ein, in dem es um akute Probleme der Kommune ging.

„Ein kaiserlicher Sozialdemokrat folgt seinem Genossen […] durch dick und dünn[7], selbst einem „Steuermann sans fortune“, der vor 30 Jahren seinen Hut nehmen musste.

Doch zurück zur Frage nach den Ursachen, die sicherlich tiefgreifender sind als „nur“ die menschliche Fehlleistung. Gedanklich ließe sich eine Anleihe bei Theorien zu machen, die von gewollter struktureller Abhängigkeit peripherer Dependenzien sprechen. Dieser Begriff, überwiegend im Zusammenhang mit Drittländern gebraucht, könnte durchaus auch Erklärungsmuster für die Situation Wilhelmshavens liefern. Bei beiden Entwicklungsschüben zur Großindustrie blieb die Abhängigkeit von auswärtigen Zentren bestehen. Bremen und Hamburg sind z.B. zuständig für die Funktion des JWP [Stichwort Zusatzkapazität]. Auch beim Ausbau der Großindustrie in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war strukturelle Abhängigkeit von großen Zentren vorprogrammiert. Ob Niederlassungen von ICI, Mobil Oil, Alusuisse, DFTG oder späterer Übernahmen ursprünglicher Ansiedlungen, immer blieben es Dependenzien, die bei wirtschaftlicher Flaute schnell zugemacht oder aufgegeben werden konnten, wie immer wieder erlebt wurde. Dagegen wurde der strukturschwache Raum Wilhelmshavens mit seinem Umwelt- und Freizeitwert ausgebeutet, während die Bevölkerung durch leere Versprechungen von tausenden von Arbeitsplätzen bei der Stange gehalten wurde.

„Boomtown“ hat durch Großkonzerne mittlerweile zwei Inwertsetzungsschübe mit negativen Entwicklungswirkungen erlebt. Die Stadt erhielt dabei nichts weiter als den Status einer peripheren Dependencia, abhängig von weltwirtschaftlichen Verwerfungen, mit der Folge leerer Stadtkassen, fiskalischer Probleme, herrschender Rekordarbeitslosigkeit und schrumpfender Einwohnerzahl.

A.D. Dr. Eickmeier empfahl in seiner Rede vor dem SPD-Ortsverein, sich nicht durch Geldsorgen erschlagen zu lassen. Im Umkehrschluss würde das heißen, dass über einen ausreichenden Etat für die notwendige, täglich mehrmalige Reinigung von Schülertoiletten nicht nachgedacht zu werden bräuchte.

Dr. Gisela Gerdes

[1]Dreckiger Sumpf“ 1983, Kabel-Verlag, S. 205
[2] ebda, S. 205f:
[3] ebda, S. 205
[4] ebda, S. 204
[5]Dreckiger Sumpf[1983, Kabel-Verlag], „Wilhelms wahnsinnige Erben[1996, Betzel-Verlag].
[6] [abgedruckt im Vorwort des Buches „Dreckiger Sumpf“]:
[7] ebda S. 181

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