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Deutsche Freiheit in Gefahr
02|10|2015



Wir verteidigen die Demokratie am Hindukusch, besschloss man im Parlament ... genau ... um die Rüstungsindustrie voranzubringen?

Taliban erobern altes Bundeswehr-Gebiet

So hatte er sich das nicht gedacht, der Peter Struck, vormals SPD-Verteidigungsminister, als er den denkwürdigen Satz von der deutschen Freiheit prägte, die am Hindukusch verteidigt werden solle. Rund zwei Jahre, nachdem die Bundeswehr die afghanische Provinzhauptstadt Kundus verlassen hat, fällt sie nach kurzem Gefecht an die Taliban. Was wird jetzt nur aus der deutschen Freiheit? Und aus der viel beschworenen deutschen Verantwortung für Gegenden, in denen die Deutschen nichts aber auch gar nicht zu suchen haben? Bis zu 100.000 Afghanen im Monat verlassen derzeit ihr Land, die Reisepässe werden bereits knapp. Die deutschen Sicherheitsbehörden rechnen mit einem raschen Anstieg der Zahl von Asylbewerbern. Doch tapfer meldet sich der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Rainer Arnold, kaum geschützt durch seinen Schreibtisch: "Angesichts der Situation in Afghanistan wäre es falsch, die Afghanen völlig alleine zu lassen."

Diesen kühnen Hilfeschrei hat die USA-Luftwaffe umgehend erhört: Schon bombt sie Kundus, um die Stadt von den Taliban zurückzuerobern. Das bewährte Rezept Obamas, der den Afghanistan-Krieg immer als den seinen bezeichnet hat, wird sicher auch diesmal greifen: Mehr Bomben, mehr Tote, mehr Taliban. Wenn das so weiter geht wird die 850-Mann-Reserve in Masar-e Scharif, die von dem großen Bundeswehrkontingent im Land am Hindukusch geblieben ist, noch die Chance zur Revanche bekommen. Immerhin ist der deutschen Armee in dieser Gegend mal ein Tanklastzug abhanden gekommen, der ist noch nicht abbezahlt. Sogar gezählte 54 deutsche Soldaten sind während der Besetzung Afghanistans seit 2002 ums Leben gekommen. Die ermordeten Ziegenhirten haben das Zählen offenkundig nicht gelohnt, genaue Zahlen über tote Afghanen im deutschen Kolonialbereich sind nicht zu erfahren. Ausser den etwa 140 Tanklast-Räubern, die zielgenau von US-Fliegern auf Geheiß der Bundeswehrführung zerbombt wurden.

Die deutsche Freiheit, jetzt wieder gefährdet, bis zum Abzug der Bundeswehr total zu sichern, war nicht billig: In einer vertraulichen Aufstellung des Verteidigungsministeriums werden rund 8,8 Milliarden Euro Kriegskosten zugegeben. Allerdings schätzt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung [DIW] bei einem „realistischen Szenario“, von einigen weiteren Jahren Bundeswehreinsatz, die Kosten der deutschen Beteiligung auf 26 - 47 Milliarden Euro. Da sind die aktuellen "Abzugskosten" von 66 Millionen Euro noch nicht eingerechnet. Ohnehin ist die Rechnung nicht ganz so einfach. Immerhin sind in der Struck-Zeit jede Menge brisanter Daten zu den "Auslandseinsätzen" aus der Zeit der SPD-GRÜNE-Regierung gelöscht worden. Wahrscheinlich sind auch die Verhandlungsprotokolle über ein geheimes Treffen zwischen dem Bundesnachrichtendienst und zwei Vertretern der Taliban im Juli 2005 in Zürich verschwunden. Aber vielleicht hat die NSA noch Daten. Denn nach US-Angaben soll 10 Monate lang zwischen den Taliban und US-Vertretern verhandelt worden sein; man habe sich in Deutschland und Katar etwa ein halbes Dutzend mal getroffen. Da könnte man jetzt vielleicht anknüpfen. Aber nur konspirativ: Denn in dem Medien gelten die Taliban immer noch als Feind.

Allerdings werden die Verhandlungen kaum mit der Stahlhelm-Fraktion der CDU möglich sein. Die wird durch Frau von der Leyen vertreten, die ausgerechnet jetzt, ungefragt, vor einem zu frühen Truppenabzug aus Afghanistan gewarnt hat. Ihr zur Seite steht unbeirrt die Schützengraben-Gruppe der SPD, die, von Niels Annen geführt, im Deutschlandfunk markig anmerkt: Über den Vorschlag, die Bundeswehr bis Ende 2016 im Norden Afghanistans stationiert zu lassen, müsse "sehr ernsthaft" diskutiert werden. Wann wird sich der schneidige Frontkämpfer Joschka Fischer wohl melden, der die GRÜNEN geschlossen in die übergroße Koalition der deutschen Freiheitskämpfer in Afghanistan geführt hat? - Viele der jungen Männer, die jetzt aus Afghanistan in Deutschland eintreffen, waren noch Kinder, als die Bundeswehr begann ihr Land zu missionieren und, neben der Verteidigung der deutschen Freiheit, auch angeblich eine bessere Zukunft für das ferne Land im Auge hatte. Doch seit der Erhebung der relevanten Zahlen durch die UN-Unterstützungsmission hat es in Afghanistan nicht so viele zivile Opfer gegeben wie 2014: Über 6.800 Menschen wurden demnach im vergangenen Jahr verletzt, fast 3.700 getötet. Das mobilisiert Flüchtlinge. Und sicher werden Verantwortungs-Apostel wie Joachim Gauck die Toten als Preis der Freiheit betrachten.

Welche Freiheit mochten die Strucks und deren Nachfolger im Auge gehabt haben, als sie junge Deutsche in ein fremdes Land marschieren ließen, um junge Afghanen umzubringen? Schon damals war zu erkennen, dass es sich nur um die Freiheit des abgerichteten Hundes handelte, der auf den Pfiff seines Herren in Washington versuchte jene Taliban zu apportieren, die das Herrchen mit viel Dollars aufgezogen hatte, um sie für seine Geo-Strategie einzusetzen. Eine Strategie, die in Afghanistan scheitert, auch im Irak, auch in Libyen, und die in Syrien jeden Tag neue Blutopfer kostet.

Uli Gellermann | rationalgalerie

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