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Bomben-Premiere in Libyen
05|08|2016



Die anscheinend so undurchdringliche Außenpolitik der USA ist in Wirklichkeit ein "Bomben-Geschäft".

Innere Emigration schützt vor Strafe nicht

"Es war eine Premiere, die der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums zu verkünden hatte", teilt uns die TAGESSCHAU in diesen Tagen über den Auftakt eines US-Bombardements in Libyen mit. Also eine Erstaufführung war es nicht, in dieser Gegend kennt man US-Bomber aus dem Jahr 2011, als sie die Stadt Sirte schon einmal bombardierten, damals noch eine Hochburg des Gaddafi-Clans. Was soll das internationale Bomber-Publikum dazu sagen? Tatsächlich, es ist wieder der beliebte Rockwell B-1-Langstreckenbomber. Der wirft gern Cluster-Bomben, Streubomben ab, da hat dann die Zivilbevölkerung wirklich was davon. Aber eine Premiere? Da kann der Streumunitions-Beobachter nur müde lächeln, hat doch das Verteidigungsministerium der Vereinigten Staaten erst 2008 anordnen müssen, dass diese Bomben auch wirklich alle explodieren, damit nachher nicht so viele Blindgänger rumliegen. Nach 2018 sollen aber mindestens 99 Prozent der Sprengsätze einer Cluster-Bombe explodieren, sonst ist das Pentagon sauer und der Waffenindustrie wird eine schwere Rüge erteilt werden!

Es war keine Premiere, als eine Koalition von NATO-Staaten schon im März 2011 Libyen von seinem Präsidenten "befreite". Befreit wurden viele Libyer auch von regelmäßigem ordentlichen Schulbesuch, von einer beachtlichen Menge an Frauenrechten für ein arabisches Land, von der Nationalisierung der Rohstoffgewinne und vor allem von einem ziemlich weitgehenden Frieden im Land. Und es war insofern keine Premiere, als eine ähnliche Koalition schon Afghanistan vom Terror befreite, und den Irak von Giftgas. Die erheblichen Erfolge in all diesen Ländern sind bekannt. Überall dauert der Krieg an, keines der Kriegsziele ist auch nur annähernd erreicht, gerade werden in Syrien Terroristen unterstützt – die in deutschen Medien zu gern "Rebellen" oder "Opposition" heißen – die Syrien endgültig in den Libyen-Zustand versetzen sollen: Vom Laizismus und einem weitgehenden Minderheitenschutz befreit, soll das Land auch noch von einem russischen Militärstützpunkt erlöst werden, um Platz für eine Gas-Pipeline von Katar durch Syrien in die Türkei zu schaffen. Viel mehr an Freiheit ist kaum zu erreichen. Aber Neuigkeiten auf dem Bombensektor? Sind einfach nicht festzustellen.

Oder sollte die libysche "Einheitsregierung" neu sein, die von den US-Amerikanern so dringlich den Bombeneinsatz über Sirte erbeten hatte? Nach wie vor gibt es die Gegenregierungen in al-Baida und dem Abgeordnetenhaus in Tobruk. So richtig anerkannt wird die "neue" Regierung nur von der Zentralbank und den Ölkonzernen und natürlich von den USA, schließlich haben die sie ja auch mit Hilfe Deutschlands installiert. Und dann bittet diese Regierung auch noch um Bomben gegen den IS. Unwiderstehlich. – Welche Freiheits-Regierung war wohl im Jahr 2013 gerade dran, als die libysche Nationalversammlung beschloss, die Scharia als Basis der libyschen Gesetzgebung einzuführen? Das musste die NATO-Delegation, die in diesem Jahr das Land besuchte nicht kümmern. Sie stelle in einem internen Bericht allerdings fest, dass Libyen "vor dem Zerfall" stünde. Der NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen hatte angekündigt, beim Aufbau einer 35.000 Mann umfassenden Nationalgarde behilflich zu sein. Aber leider mangele es den Regierungsstellen an der "Fähigkeit, Rat aufzunehmen und umzusetzen“. Diese Libyer sind einfach undankbar: Da zerlegt man ihr Land mit Bomben und Raketen und sie nehmen keinen Rat an.

Ausgerechnet im gerade erneut bombardieren Sirte tagte, auf Einladung von Muammar al-Gaddafi, im September 1999 ein Gipfeltreffen afrikanischer Staaten um die Gründung der "Afrikanischen Union" vorzubereiten. Die Afrikanische Union, an der Europäischen Union orientiert, sollte zur Emanzipation der Afrikaner beitragen. Emanzipation bedeutet "Befreiung", aber das kann doch der Gaddafi nie und nimmer gemeint haben. Sonst hätte man ja sein Land nicht von ihm befreien müssen. So gründlich, dass der FOCUS, stellvertretend für alle damals jubelnden deutschen Medien, am scheinbaren Ende des Libyen-Krieges, mit dieser Schlagzeile aufwartete: "Libyer feiern den Fall von Sirte und den Tod von Gaddafi in Tripolis". Illustriert wurde die Jubel-Story mit einem tollen, sonnenbebrillten Typen, wahrscheinlich ein Rebell oder ein Oppositioneller, der fröhlich mit seiner Kalaschnikow winkte.

Auf der Pressekonferenz, während der Peter Cook, als Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, die libysche "Premiere" verkündete, erzählte er eine wirklich lustige Geschichte:
"Eines der Ziele, das wir heute getroffen haben, war ein Panzer."

Und wer weiß, dass schon längst amerikanische und britische Spezialeinheiten am Boden die Zielkoordinaten für die Bomber ermitteln, der freut sich:
Endlich wurden nicht nur Zivilisten getroffen.

All diese Erkenntnisse, die mit der Wahrheit und ihren Zusammenhängen nicht mal verwandt sind, verdanken wir Rolf Büllmann, dem Korrespondenten des Bayerischen Rundfunks in Washington, der Politische Wissenschaften, Kommunikationswissenschaft und Soziologie studiert hat. Eine glattrasierte Existenz, die uns Überschriften wie diese schenkt: "Barack feiert Hillary". Immer schön aus den Reihen der US-Eliten gedacht und gemacht, mit einem Nachrichtenwert nahe Null und einem Erkenntniswert unterhalb der Erdoberfläche.


Natürlich bleibt dem Bundesbürger die innere Emigration: Augen und Ohren vor den herrschenden Medien verschließend kann er danach – wenn die andauernde militärische Einmischung in die Angelegenheiten anderer Länder zum nächsten Gau, zur nächsten Flüchtlings-Million, zu den nächsten Selbstmordanschlägen, oder einem Krieg an den EU-Grenzen geführt hat – immer sagen: Ich war heimlich im Widerstand. Von den Medien, die an der Seite der USA die vielen Befreiungskriege feierten ohne nach der Freiheit von Krieg und Elend zu fragen, hab ich einfach nichts mitbekommen. Aber innere Emigration schützt vor Strafe nicht. Warum immer nur Bomben auf mein Land, denkt sich der Nachwuchs-Terrorist. Was ist denn mit dem Hauptbahnhof von Hamburg, dem Flughafen der Münchner oder den vielen Shopping Malls in Berlin? Bisher wurden auch die Sendehäuser und Großverlage ausgespart. Warum eigentlich?

Uli Gellermann | rationalgalerie

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