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Wird der Sport zum Opfer des neuen Kalten Kriegs?
23|06|2016



Wird das Feindbild Russland jetzt auch auf den Sport ausgedehnt?

Russlands Leichtathleten dürfen nicht bei den in wenigen Wochen beginnenden Olympischen Spielen in Rio an den Start gehen. Es wird bereits spekuliert, ob die Sperre auf sämtliche russischen Olympioniken ausgeweitet wird. Schuld daran ist, dass die russische Anti-Doping-Agentur von der Welt-Anti-Doping-Agentur für "nicht konform" mit dem aktuellen Welt-Anti-Doping-Regelwerk erklärt wurde. Das ist ein ernster Vorgang ... jedoch sind zum jetzigen Zeitpunkt auch Spanien, Mexiko und Kenia auf der schwarzen Liste der "nicht konformen" Staaten. Warum wird nur Russland gesperrt?

Eine ähnliche Frage tut sich im Umfeld der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich auf. Dort sind Hooligans aus England, Deutschland, Kroatien, Russland und Frankreich selbst negativ in Erscheinung getreten – einen "Ausschluss auf Bewährung" bekam indes nur Russland. Deutsche Politiker fordern derweil bereits, Russland die Austragung der Weltmeisterschaft 2018 wieder wegzunehmen. Mit Sport hat das Ganze nichts mehr zu tun. Der Kalte Krieg ist wieder da und der Sport ist eines seiner ersten Opfer.

Es hat schon etwas Groteskes. Da suspendiert der britische Lord Sebastian Coe den russischen Leichtathletikverband, da die Russen es nicht geschafft haben, ihr Anti-Doping-System gemäß der internationalen Vorgaben in Ordnung zu bringen. Derweil wird der Amtsvorgänger ihrer Sportlordschaft mit einem Haftbefehl von Interpol weltweit gesucht – er hatte Kraft seines Amtes unter anderem dafür gesorgt, dass die Dopingproben tausender Leichtathleten – darunter zahlreicher Russen – nicht kontrolliert wurden und sich dafür fürstlich bezahlen lassen. Die Spatzen pfeifen es bereits von den Dächern, dass auch Lord Coe zumindest ein "Mitwisser", wenn nicht gar ein "Mittäter" war. Die Erfahrung lehrt in solchen Fällen, dass es stets am Besten ist, die Flucht nach vorne anzutreten und "Haltet den Dieb, er hat mein Messer in seinem Rücken" zu rufen. Auch wenn die Russen in diesem Doping-Skandal ganz sicher keine unschuldigen Opfer sind: Es hat schon mehr als ein G´schmäckle, wenn ihre Mittäter sich nun als die Wortführer der Anklage inszenieren.

Russland ist kein Einzelfall

Russland steht – nach Aktenlage auch vollkommen zu Recht – auf der Liste der Staaten, die sich nicht konform zum Welt-Anti-Doping-Regelwerk der WADA verhalten und damit laut Sportgesetzbarkeit als Höchststrafe vom IOC von den Olympischen Spielen ausgeschlossen werden können. Ob ein solcher Ausschluss erfolgt, liegt somit in den Händen des IOC. Auf der schwarzen Liste der WADA stehen jedoch auch Kenia, Spanien und Mexiko. Polen steht auf der Beobachtungsliste, Belgien, Griechenland, Brasilien, Frankreich, Israel, Argentinien, die Ukraine, Andorra und Bolivien haben die WADA in "bilateralen Verhandlungen" überzeugen können, wieder von der schwarzen Liste gestrichen zu werden. Russland ist kein Einzelfall, auch wenn die russische Doping-Praxis – sollten sich alle Vorwürfe als korrekt erweisen – schon besonders dreist ist; aber das ist die Doping-Praxis von Ländern wie Kenia zweifelsohne auch.

Lord Coe und sein Welt-Leichtathletikverband IAAF sind als Anti-Doping- und – was stets damit eng zusammenhängt – Anti-Korruptions-Ankläger ungefähr so glaubwürdig wie ein treuherzig blickender Hund vor den Resten von dem, was einst mal eine Pralinenschachtel war. Coe wäre nicht Präsident des IAAF, wenn er kein ausgebuffter und mit allen Wassern gewaschener Vollblutfunktionär wäre, der sich keinesfalls hinter einem Sepp Blatter verstecken muss. Je lauter die Korruptions-Vorwürfe gegen ihn selbst werden, desto entschiedener inszeniert er sich als knallharter Anti-Doping- und Anti-Korruptionskämpfer. Und der russische Verband eignet sich in Zeiten des allgemeinen Russland-Bashings natürlich ganz hervorragend, um ein Exempel zu statuieren. Dumm gelaufen!

Natürlich wird nicht nur in Russland gedopt. Die Geschichte des staatlichen Dopings in der BRD wird gerade eben erst aufbereitet und auch in den USA gehört Doping zum Alltag. Neben den – auch hierzulande bekannten – Fällen "Armstrong" oder "Landis" ist es in den USA vor allem die Football-Profiliga NFL, in der auf Teufel komm raus gedopt wird. Der aktuelle NFL-Skandal rund um eine dubiose Doping-Klinik in Indianapolis wurde übrigens vom arabischen TV-Sender Al Jazeera aufgedeckt ... offenbar waren sämtliche investigative US-Sport-Journalisten mehr mit Russland beschäftigt.

Die Hetze der Medien ist kaum noch zu ertragen

Ob es den westlichen Journalisten dabei wirklich um einen ehrenwerten Kampf für die Chancengleichheit im Sport geht, darf jedoch bezweifelt werden. Viele Artikel lesen sich vielmehr als politische Kampfschrift gegen Russland, wie folgendes Beispiel des freien Journalisten Jens Weinreich für SPIEGEL Online verdeutlicht.

Weinreich schreibt über mögliche Ausnahmen der Sperre russischer Athleten folgendes:
"Stars wie Jelena Issinbajewa, die Putin-treue Olympiasiegerin im Stabhochspringen, werden kaum durch diesen Spalt schlüpfen können. Issinbajewa, die vor drei Jahren nicht nur die unerträglichen Anti-Homosexuellen-Gesetze in Russland verteidigte, sondern die faktenbasierten Berichte der Weltantidopingagentur Wada und zahlreiche investigative Medienberichte als "politisch motiviert" bezeichnete […]"
– aus dem Artikel "Ein Feiertag für den Sport"

Jelena Issinbajewas Schuld ist es also, "putin-treu" zu sein und vor drei Jahren die "unerträglichen Anti-Homosexuellen-Gesetze in Russland" verteidigt und dafür "zahlreiche" für Jens Weinreich "investigative" Medienberichte kritisiert zu haben. Es geht also nicht ums Doping, sondern um die politische Einstellung der Sportlerin. Was Weinreich "erfreulich" offen schreibt, wird von talentierteren Journalisten nur indirekt und durch die Blume gesagt. Man ist sich jedoch in diesem Punkt einig. Man mag Issinbajewas Einstellung ja kritisieren. Es gibt jedoch wohlweislich keine IOC-Regel, die Sportler von den Spielen ausschließt, die ihre Präsidenten mögen und eine fragwürdige Einstellung zu Homosexuellen haben. Journalisten wie Weinreich haben sich auf die Fahne geschrieben für das vermeintlich "Gute" zu kämpfen und sind dabei doch nur naive Handlager derer, die nicht viel von Entspannungspolitik halten und einen neuen Kalten Krieg heraufbeschwören.

Hooligans aus Russland

Auch im Rahmen der Fußball-Europameisterschaften gibt es diesen Konflikt. Jeder, der die Bilder von randalierenden russischen Hooligans im Fernsehen gesehen hat, wird schockiert gewesen sein. Nun sind es aber nicht nur russische Idioten, die in Frankreich durch Gewalt und eine schlechte Kinderstube auffallen. Der große Unterschied ist jedoch, dass die Bildregie der UEFA keine Einstellungen passieren lässt, auf denen zu sehen ist, wie ungarische oder kroatische Fans sich auf den Rängen daneben benehmen. Und was außerhalb der Stadien geschieht, ist der UEFA ohnehin weitestgehend egal.

Da muss man sich dann aber schon die Frage stellen, wie es denn überhaupt sein kann, dass russische Hooligans nach dem Schlusspfiff einfach so auf die englische Fantribüne spazieren und dort auf die armen Briten einprügeln können. Gibt es in den Stadien keine Zäune? Gibt es keine Sicherheitskräfte, die die "Fans" voneinander trennen? Ich persönlich kann mich nicht daran erinnern, wann das letzte Mal in der Bundesliga Hooligans der einen Partei einfach auf die Tribüne der anderen Partei spazieren konnten. Wenn dies in Frankreich geschah, dann ist dies auch und vor allem ein massiver Fehler des Sicherheitskonzepts. Die russische Mannschaft dafür zu bestrafen ist unfair.

Noch unfairer ist es, das gesamte russische Volk zu bestrafen, z.B. durch die Wegnahme der kommenden Weltmeisterschaft, wie unter anderem Daniel Cohn-Bendit dies fordert. Mit Sport oder Fairness hat dies nichts mehr zu tun. Hier geht es darum, einen neuen Kalten Krieg zu führen.

Gottes Werk und Putins Beitrag

Und auch hier spielen unsere Medien wieder einmal eine traurige Vorreiterrolle. So titelte die WELT beispielsweise letzte Woche "Putins oberster Hooligan aus Frankreich ausgewiesen" und andere Medien schlossen sich dieser Sichtweise im Kern an – die Hooligans seien mit "der Politik" oder "dem Kreml" verbandelt und erfüllten so quasi "Putins Beitrag". Stimmt das? Schauen wir doch mal auf die Fakten.

Mitverantwortlich für die Verteilung des russischen Ticketkontingents ist eine russische Fanvereinigung namens VOB. Diese verteilt die Tickets, vorfinanziert durch den russischen Fußballverband und mit logistischer Unterstützung des Sportministeriums, an die Fans. So weit, so gut. Dummerweise wird die VOB von einem einschlägigen Neonazi namens Alexander Schprygin angeführt, der aus der Moskauer Hooligan-Szene stammt.

Der russische Fußballverband wollte Schprygin bereits mehrfach loswerden. Der hat jedoch eine schützende Hand in Igor Lebedew, dem "Fanbeauftragten" des Verbandes – Sohn und Parteifreund des rechtsextremen Urgesteins Wladimir Schirinowski. Schprygin und Lebedew waren es dann auch, die via Twitter und über die Mikrophone der russischen Medien nach den Randalen von Marseille allerlei unappetitlichen Unsinn von sich gegeben haben.

Das ist zweifelsohne widerlich und muss kritisiert werden. Aber dann sollte man die Kritik an auch die richtige Stelle adressieren. Wenn Alexander Gauland Jerome Boateng beleidigt, titelt doch auch niemand, dass Merkel für rassistische Übergriffe gegen die deutsche Nationalmannschaft verantwortlich sei oder die deutsche Regierung ein Rassismusproblem habe. Warum auch? Gauland gehört einer oppositionellen Partei an. Genau wie Lebedew. Bei den Russen schaut man jedoch lieber nicht so genau hin und nimmt Putin generell gerne für alles in Haft, was irgendein russischer Politiker jedweder Couleur von sich gibt.

Auch hier sollte man sich jedoch davor hüten, aus Russland ein Opfer zu machen. Ja, in Russland gibt es ein massives Hooligan-Problem. Ja, dieses Problem steht auch in direktem Zusammenhang mit Rechtsextremismus und dem erstarkenden Ultranationalismus. Ja, in den russischen Fußball- und Fanverbänden gibt es Funktionäre, die dort ganz einfach nicht hingehören und wenn Rechtsextreme dafür verantwortlich sind, das russische Ticketkontingent unter die Fans zu bringen, muss man sich nicht wundern, wenn tausend Jahre Zuchthaus auf der Tribüne versammelt sind. Ja, man muss den Russen in diesen Punkten die Daumenschrauben anziehen. Aber doch nicht dadurch, dass man die russische Mannschaft vom Turnier suspendiert oder Russland gar die Weltmeisterschaft wegnimmt. Derartige massive Sanktionen haben mit dem Sport überhaupt nichts mehr zu tun. Es geht vielmehr um die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Es geht um den neuen Kalten Krieg. Und dies sollten wir nicht zulassen.

Quelle: nachdenkseiten | Jens Berger


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