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Wo bleibt die Revolution?
10|07|2014



In Wilhelmshavn stellt sich die Bevölkerung zur Zeit ähnliche Fragen.

Zur Debatte um die Herrschafts-Zeiten

Aus Elsendorf, aus der beschaulichen Holledau, hätte man einen Aufruf zur Revolution eher nicht erwartet. Doch genau dort lebt Egon W. Kreutzer, der mit seinem neuesten Buch die Frage stellt: "Wo bleibt die Revolution?". Eine revolutionäre Situation entsteht nach Lenin dann, wenn die da oben nicht mehr können und die da unten nicht mehr wollen. Zuletzt war genau dieses Muster in der vergehenden DDR zu beobachten, in der es für einen recht kurzen Moment revolutionäre Verhältnisse gab bis dann der große, kapitalistische westliche Bruder das bisschen Revolution übernahm, um jene Verhältnisse einzurichten, unter denen wir bis heute in Ost und West leiden.

Egon W. Kreutzer beschreibt in seinem ersten Kapitel umfänglich und verständlich, warum es eine Revolution in Deutschland geben sollte: Über die seit Schröders Agenda umgesetzte These davon, dass Privat alles besser könne als der Staat, über den immensen Abbau von Arbeitsplätzen, die Lohndrückerei, über das Afghanistan-Fiasko und die Vergötzung des Marktes. Dabei gelingen dem Autor höchst anschauliche Beispiele, wie jene, wenn er die Hartz-Viererei mit einem Zoo und der von der ARGE verordneten "Präsenzpflicht" vergleicht. Oder auch die kluge Erklärung zur deutschen Exportweltmeisterschaft, eine Meisterschaft, die letztlich der Mehrheit der Deutschen und auch ihren Nachbarn schadet.

Gerade weil Kreutzer seinen Lesern eine Reihe von Gründen für eine Revolution aufzählt, sind Sätze wie dieser, den Gründen vorangestellt, nur schwer begreiflich: "Angriffe auf die Symbiose von Staat und Kapital kommen folglich einem volkswirtschaftlichen Suizid gleich." Gegen wen sollte denn eine Revolution von statten gehen, wenn nicht gegen die auch von ihm heftig kritisierte Symbiose? Wenn nicht gegen die zunehmende Verschmelzung von Staat und Kapital, wenn nicht gegen eine Eigentumsform, in der die einen alles, die anderen zwischen wenig bis nichts haben?

In seinem Kapitel darüber, was denn die Deutschen an einer Revolution hindert, sieht der Autor das mangelnde Selbstwertgefühl der Vielen, das aus Armut, festen Hierarchien und einer Erziehung zur Angst resultiert. Um später dann eine "typische Randgruppenpsychose" zu konstatieren, die zur Mitte dränge, um von dieser "Mitte" Veränderungen zu erwarten. Diese Bewegung vom Rand zur Mitte belegt er mit Willy Brandts damals neuer Ostpolitik, die zum Beispiel den Antikommunismus zurückgedrängt habe. Schon diese Überlegung ist recht fragil. Entstand doch genau in Willy Brandts Regierungszeit das Berufsverbot für Linke aller Art, ein wunderbares Instrument der Unterdrückung und der Angstmacherei. Und Willy Brandts Satz, nachdem in Vietnam die Freiheit West-Berlins verteidigt werden würde, spricht denn auch eher gegen Kreuzers These.

Wenn Kreuzer von der Nazi-Keule redet, die sich gegen Vaterlandsliebe wende, kann er das nicht belegen. Auch dass er den Patriotismus an das "Vaterland" bindet und nicht an die Verfassung, die es zu verteidigen gilt, kommt eher hölzern daher. Und wenn von ihm später zum Beispiel die Pizza als "multikulturelle Errungenschaft" zitiert wird, die von jedermann toleriert und akzeptiert werden müsse, wolle er sich nicht "dem Vorwurf, der teils strafbewehrten Diskriminierung aussetzen", dann muss man anmerken, dass die eigentliche Kultur-Debatte längst Teil des "Antiterror-Kampfes" geworden und der Islamophobie gewichen ist.

Sätze wie "Die inzwischen durchaus aufgeklärte Bevölkerung fordert von ihrer Regierung den Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit", verwischen den schroffen Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital, ein Gegensatz, der lange und erfolgreich vernebelt, in die "Sozialpartnerschaft" umgewandelt wurde, die einer möglichen Revolution sicher im Wege steht, weil erst aus dem Begreifen dieses Widerspruchs revolutionäres Bewusstsein entstehen kann. Auch wenn Kreutzer "einige Gruppierungen" sieht, "die nur darauf gewartet haben, endlich mit- und aufmischen zu können", mag er uns nicht mitteilen, wo er denn diese Gruppierungen verortet. Der Mittelstand jedenfalls, den der Autor gegen "die Beschränkung der Freiheit anrennen" sieht, schmückt zur Zeit seine Autos mit der Deutschlandfahne und wird auch nach der WM, selbst wenn "wir" nicht Meister werden sollten, brav wieder jene übergroße Koalition unter Einschluss der Grünen wählen, die uns Millionen Almosenempfänger und eine militarisierte Außenpolitik eingetragen hat. Die da unten wollen mehrheitlich so weiter machen, die da oben können ihre Herrschaft bisher ziemlich glatt ausüben.

Uli Gellermann

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