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Rede zum Bunkerabriss am Banter See
16|09|2014



Holger Raddatz kurz vor seiner Rede am Bunker.

Holger Raddatz hielt im Rahmen eines "flashmobs" eine hochinteressante Rede zum Thema "Bunkerabriss", Modell T 750, am Banter See. Mit dem Abriss verschwindet ein weiteres Stück Geschichte Wilhelmshavens.

"Guten Abend.
Zur Mitte des Zweiten Weltkrieges musste sich Ende 1942 auch die deutsche Kriegsmarine dem eskalierenden Luftkrieg anpassen. Was fehlte, waren sichere Schutzräume für die auf den Stützpunkten stationierten Soldaten und auf den Werften beschäftigten Arbeiter.


So entstand ab 1943 der Truppenmannschaftsbunker mit seinen verschiedenen Bauformen - der damals modernste und sicherste Luftschutzbunkertyp.

750 Personen durften zunächst regulär diesen Bunker hier betreten. Sie hatten jeweils 0,5 Quadratmeter auf den Sitzplätzen zur Verfügung. Der Bunker wurde in ungefähr halbjähriger Bauzeit zusammen mit dem ersten T 750 an der Banter Ruine bis Herbst 1943 vollendet.

Offiziell durften hier zunächst nur Marinesoldaten der Kaserne Schutz suchen. In späten Kriegstagen fanden hier auch Zivilisten Schutz, Frauen und Kinder, die auf ihre Evakuierung in die ländlichen Gebiete Frieslands warteten.

Inoffiziell hieß dieses Bauwerk hier „U-Bunker“, eine Abkürzung für „U-Bootstützpunktsbunker“.

Geplant wurde er als Schutzraum für die Besatzungen der im Krieg südlich am ehemaligen Scheerhafen gelegenen U-Boote. Drei Schriftzüge mit dem Namen des Bunkers wurden in heller Farbe an die Wände gemalt: Hier an der Nordseite unten rechts, an der Ostseite und an der Südseite mittig der Wand.

Als Besonderheit besitzt dieser Bunker neben dem serienmäßigen Lüftungsturm einen Beobachtungsstand auf dem Dach. Er konnte von außen durch eine Steigleiter erreicht werden. Die dortige Besatzung hatte einen Blick über den gesamten Hafen und sollte über eine Telefonleitung während der Angriffe entstehende Brände in den Bunker melden.

Von dort wurden die Nachrichten weiter zum Befehlsbunker auf der Bauwerft bei Tor 1 übermittelt. Da der Stand lediglich splittersicher war, hätte die dortige Mannschaft bei einem Volltreffer auf dem Dach keine Überlebenschance gehabt.

Allein aufgrund des Luftdruckes wären die Lungen und Trommelfelle zerfetzt worden.

In den drei Geschossen des Bunkers befinden sich insgesamt acht große Mannschaftsräume, vier Aborträume sowie diverse kleinere Zellen für die Wachmannschaft. Ein Entgiftungsraum und zwei große Maschinenräume befinden sich im Erdgeschoss.

Schaut man sich die Dachkante an, so ist dort ein schmaler Betonstreifen erkennbar. Er stellt die einen Meter dicke Deckenverstärkung dar, die schon während des regulären Baues gefertigt wurde.

Darunter erst kommt die eigentliche, 2,75 Meter starke Abschlussdecke. Über 6000 Tonnen Beton, das sind über 6 Millionen Kilogramm, lagern über dem dritten Geschoss des Bunkers. Die Außenwände sind 2,50 Meter stark.

Links und rechts befinden sich zwei Splitterschutzvorbauten vor den insgesamt vier Eingängen. Obwohl der Bunker damals als äußerst modern galt, hätte er einem gewollten Volltreffer mit den neuen Bomben der Alliierten zum Kriegsende nicht mehr standgehalten.

Als Beispiel kann die U-Bootproduktionsbunkerbaustelle Valentin bei Bremen gelten. Dort durchschlug eine bunkerbrechende Bombe Anfang 1945 die bereits fertige 7 Meter starke Abschlussdecke.

Stromausfälle während der Angriffe, Erschütterungen, dumpfes Grollen, hohe Luftfeuchtigkeit und Angst in den Augen der Menschen.

Das war der Alltag damals auch hier in dem Bauwerk hinter uns. Errichtet wurde der Bunker höchstwahrscheinlich auch unter Beteiligung von Zwangsarbeitern des nahen KZ-Außenlagers Neuengamme am Alten Banter Weg.

Der Bunker, obwohl für 750 Mann zugelassen, konnte weitaus mehr Personen für begrenzte Zeit aufnehmen. In einem baugleichen Objekt der Marineschule Bremerhaven wurde 1944 ein Überbelegungsversuch der Kriegsmarine unternommen. Für kurze Zeit befanden sich bis zu 2800 Personen in dem Truppenmannschaftsbunker. Zu größeren Panikattacken kam es jedoch nicht.

Das Gelände auf dem wir stehen, wurde nach dem Krieg von den Engländern genutzt, unter anderem durch die Prince-Rupert-School. Dieser und auch der Bunker an der Banter Ruine wurden als Schießstände und Lagerräume weitergenutzt.
Die Luftschutzbunker des Zweiten Weltkriegs wurden mit den härtesten Betonmischungen, die damals überhaupt möglich waren, gefertigt. Der so genannte Blaue Beton.


Nach dem "flashmob" reihten sich die anwesenden Personen noch längs der Mauer auf.

Der Bunker hinter uns mit Baujahr 1943 ist, obwohl er schon einige Wochen nach Vollendung nutzbar war, erst Anfang der 1970er Jahre komplett ausgehärtet, 30 Jahre nach dessen Fertigstellung. Es hätte noch bis zu 200 Jahre gedauert, bis der Beton von selbst angefangen hätte, langsam zu bröckeln. Das wird dieser seltene Bunkertyp hinter uns nicht mehr erleben, denn er wird nun leider abgerissen. Ich schaue mit großem Respekt auf diesen Bunker, denn eventuell würde ich ohne ihn hier jetzt nicht stehen. Mein Großvater war bei der Kriegsmarine und zeitweise hier stationiert. Eventuell hat er auch in diesem Bunker hier Schutz gesucht.

Wie wird man in Zukunft mit diesem geschichtlichen Erbe umgehen? Wie wird man sie in die zukünftige Gesellschaft mit einbinden?

Selbst unsere Enkel und deren Enkel werden in Wilhelmshaven und anderswo mit Bunkern konfrontiert werden.

Was das für Bauwerke sind, wieso sie gebaut wurden, und vor allem das, was in ihnen passiert ist, darf nie vergessen werden.

Vielen Dank. "

Holger Raddatz
[Es gilt das gesprochene Wort]



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