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Concordia italiana
17|01|2012



Hat günstiges und schlecht ausgebildetes Personal Hochkonjunktur auf Kreuzfahrtschiffen?

Cor, cordis, n. [lat.] das Herz, das Gemüt; concordia = mit vielen Herzen, mit viel Gemüt = Eintracht. Costa Concordia heißt also Küste Großherzigkeit, oder Küste mit/für die Eintracht oder so ähnlich.

Nomen est omen, kann man da nur sagen. Aus Eintracht zu seinem Oberkellner und dessen Heimatinsel [Isola Guglia] hat ein italienischer Kapitän ein 4500 Mann Schiff von der Größe eines Flugzeugträgers zielsicher auf ein Riff gesteuert. Näher als eine Seemeile vom Ufer der schroffen Küste entfernt.

Mein erster Gedanke bei der Unglücksnachricht war: Könnte so etwas auch auf einem deutschen AIDA-Schiff passieren? Letztes Jahr hatte ich in Bremerhaven die Disney Dream während ihrer Zurüstung am Columbus Kai angeschaut. Mit dem Fernglas konnte man philippinische [wohl superbillige] weibliche Arbeitskräfte beim Bettenmachen in den der Besucherbrücke zugewandten Außenkabinen beobachten. Die Disney Dream war auf der Meyer Werft gebaut worden, so wie ein Großteil der AIDA-Schiffe ebenfalls. Auf der Besucherbrücke sprach ich noch mit einem zufriedenen Passagier eines der AIDA-Schiffe, wir fachsimpelten als Kreuzfahrer, sicher von Land aus.

Zunächst war ich mir sicher: Auf einem deutschen Schiff könnte so etwas nicht passieren. Ich bin nach wie vor dieser Meinung. Aber: ein Blick ins Wikipedia-Lexikon verunsicherte mich dann doch für einen kleinen Moment: Eigentümer der AIDA-Schiffe ist derselbe wie der der Costa Concordia!

Ups? Wie denn das? Globalisierung sei Dank. Nahezu alle Kreuzfahrtlinien, vormals unabhängig voneinander, sind inzwischen unter dem Dach der Carnival Corporation, plc., Miami. Dorthin muß auch immer Herr Meyer reisen, wenn er einen neuen Auftrag für seine Werft braucht.

Die Frage, die sich vor allem stellt bei der Verschuldensfrage, ist nicht nur die des offensichtlichen und nicht mehr zu verheimlichenden Fehlverhaltens der Einzelperson Francesco Schettino [„Sket-tino“ ausgesprochen]. Daß er sich groß fahrlässig in Bezug auf den eingetretenen Sach- und Personenschaden [plus vielleicht noch Natur-/Ökoschaden im Naturschutzgebiet] verhalten hat, steht mehr oder weniger schon fest. Aber viel spannender finde ich die Frage: Wer hat diese Type, man schaue sich nur mal ein Interview mit ihm internet an, überhaupt als Kapitän eines solchen 500 Millionen Euro teuren Luxusschiffes ausgesucht? Ohne ihn persönlich zu kennen, wirkt er doch auf mich eher wie ein Dandy oder Playboy, als ein stolzer, aber ruhiger Hochseekapitän. Er soll kurz vor dem Unglück „mit einer wunderschönen Frau“ gesehen worden sein beim Käptn's Dinner. Er habe Angst vor solch einem Unglück wie dem der Titanic, ist bei focus online zu lesen. 

Irgendwie kam mir dann der Begriff „italienische Verhältnisse“ in den Kopf. So eine story kann sich wohl wirklich nur im lebenslustigen und chaotischen Italien zutragen? Wo Familienbande bei Karriereverläufen vielleicht eine größere Rolle spielen als fachliche Eignung und Qualifikation. Wo hat Herr Schettino bloß sein Kapitäns-Patent erworben??

Irgendjemand muß Herrn Schettino auch eingestellt haben. War das ein Komitee von gestandenen Seefahrern, die ihn vorher genau unter die Lupe genommen haben? Auch und insbesondere hinsichtlich der charakterlichen Eignung und seemännischen Erfahrung? Oder hatte Signore Schettino einfach nur „gute Freunde“?

Hier ist die Informationslage im internet noch recht dürftig. Ich wüßte gerne mehr dazu. Die Reederei blockt und stellt ihn als verrückten Einzeltäter dar, der vom vereinbarten Reglement abgewichen sei. Klar, damit wären sie selber raus aus der Schuld. Ja, aber die tagesschau zeigte gestern abend bereits ein Privatvideo der ganz dicht an der Küste von derselben Insel Guglia vorbeiziehende Costa Conc. zu einer früheren Zeit. Das heißt die Praxis des erheblichen Abweichens von der eigentlichen Westumfahrung der Insel zur engen Ostumfahrung [Umfahrung kann man es allerdings nicht mehr nennen] war vorher schon bekannt. Auch der Reederei? Wäre eigentlich verwunderlich wenn nicht. Und wenn diese sich im Moment noch auf Unkenntnis beruft, trifft die Reederei nicht doch zumindest auch eine Art Überwachungsverschulden? Dies könnte auch für die Frage der Versicherung eine Rolle spielen. Die Aktien der Reederei sind jedenfalls tüchtig in den Keller gerutscht.

Das ist der nächste Punkt:
Wer hat eigentlich das Personal ausgewählt, welches offenbar so gnadenlos im nun eingetretenen Ernstfall versagt hat? Wird das Personal neuerdings direkt von den Aktionären selbst eingestellt? Unter Renditegesichtspunkten?


Nach einhelliger Meinung der Geretteten hatte weder Kapitän noch übriges Personal Überblick und Kenntnis über die Handhabung der Rettungsboote etc. Eine Stunde wertvoller Zeit, in der das Schiff noch nicht so vollgelaufen und geneigt war, verrann ohne Rettungsaktivitäten, weil die Schiffsleitung über Lautsprecher die Situation verharmloste. Kein Rettungsruf S.O.S. erfolgte. Wollte der Kapitän die Angelgenheit improvisatorische retten und vertuschen? Bei dem Loch im Rumpf?? Aber wie kann das sein? Jedes Kind kennt doch inzwischen den Film mit Leonardo di Caprio in der Hauptrolle. Fühlte man sich zu sicher? Oder, unterlag die Ausbildung und Unterweisung des Schiffspersonals vor allem Kosteneinsparungsgesichtspunkten? Wählt man bewußt Niedriglohnarbeiter aus, um die Gewinne der Muttergesellschaft zu steigern? Fragen über Fragen. Ich bin neugierig, wieweit diese Fragen überhaupt in der Öffentlichkeit gestellt und ihnen nachgegangen wird. Die Reederei ist erstmal darauf aus, sich selbst rein zu waschen. Ziehen die Politiker mit, und werden keine Konsequenzen an den Strukturen vorgenommen, sondern wartet man nur ab, und hat die Fahrgastzahlen der Zukunft mehr im Auge, als die bereits beklagenswerten Opfer der Schiffskatastrophe?

Kreuzfahrten sind inzwischen ein Massengeschäft geworden. Nicht mehr nur Filmstars und Superreiche können in den Genuß einer solchen Spritztour auf die Weltmeere kommen. Werbung für Fahrten mit der Costa Concordia liegen derzeit noch bei Edeka aus. Kauf drei Joghurt, get one Kreuzfahrt free. „Funship Concept“ liegt der ganzen Produktlinie AIDA-Schiffe etc. zugrunde.

Von der ganzen ökologischen Belastung dieser dieselintensiven Spritztouren frage ich mich, wieviel diese Art von Schiffahrten noch mit Seefahrt und Meer zu tun hat. Glücksspielautomaten und Einkaufsmeilen bestimmen den Tagesablauf an Bord.

Für die Eigentümer der Kreuzfahrtlinien war es bisher offenbar eine gute „Investition“. Immer mehr Riesenpötte wurden und werden in Auftrag gegeben. Das erinnert mich ein bißchen an Westerwelles unselige Wort von der spätrömischen Dekadenz. Reicht nicht ein bißchen Segelsport in der Jolle für „Spaß“ aus? Ist der Spaß dabei, den Elementen der Natur noch direkt ausgesetzt zu sein, nicht viel größer? Von einer solchen Fahrt ist mir noch in Erinnerung die Störung der Windverhältnisse [Windschatten] durch den „Neue Heimat Bunker“ am Bontekai, der einigen Jungseglern des HSYC erst mal zu schaffen macht, wenn sie ihre ersten Wendemanöver üben.

Solche Erlebnisqualität hat ein Francesco Schettino an seinem Joy-Stick 30 m über der Wasseroberfläche nicht. Drum hat es ihn wohl auch zu anderen emotionalen Höhepunkten an Bord gedrängt. Man bleibt halt trotz aller Technik nur ein Mensch. Auch die Titanic hat damals vor allem die Geschwindigkeitsrekordsucht, die Erlangung der „Blauen Bands“ für Atlantiküberquerungen geritten, durch die Eisberge hindurch zu navigieren, statt eine sicherere Route zu wählen. Bei Selbstüberschätzung helfen halt auch keine 55.000 PS mehr im Schiffsbauch.

Ein Macho als Kapitän von einem 4500 Mann Schiff in einem Land mit einem Super-Macho, der gerade als Staatspräsident gegen seinen Willen abgelöst wurde. Weil sein Land inzwischen pleite ist [er selber nicht]. Wir leisten uns im Moment viel „Menschliches“ in den obersten Führungsetagen und Positionen.

Putzig ist, daß phoenix seit Freitag nachmittag, also noch vor dem Unglück, programmgemäß [nichts als aktuelle Sondersendungen] eine Doku nach der anderen über die Geschichte der Kreuzfahrt sendet. Um 16 Uhr am Freitag lief z.B. ein Bericht über die schlechte Bezahlung der Werftarbeiter beim Titanic-Bau. An Bord der Costa Concordia war ein Nachfahre eines Musikband-Mitgliedes von der Titanic. Er ist gerettet worden. Makabres Jubiläum, kann man da nur sagen.

Ich fahr nur noch mit der M.S. Europa. Wenn es mein Geldbeutel zuläßt. Die Fahrten mit der Wilhelmshaven nach Helgoland fand ich allerdings auch schon aufregend genug für ein schönes Erlebnis. Sogar mit geplantem [!] Ausschiffen vor der Helgoländer Küste. Die Matrosen, die einem am Arm packten beim Tritt ins Beiboot, verstanden ihr Geschäft. Dort fühlte ich mich sicher. Und auf der Insel gab es dann zwar keine Glücksspielautomaten, aber leckere holländische Lakritz. Zum Einkaufspreis. Ach, ja, die schönen Butterfahrten fielen auch der Globalisierung und EU-isierung zum Opfer. Schade eigentlich. Vom Geniusstrand und Muscheln suchen eine Fahrradspritztour vom eigenen Heim entfernt rede ich erst gar nicht. Dann werde ich echt noch sentimental heute.

Beten wir lieber für die noch Eingeschlossenen an Bord des italienischen Schiffes. Wenigstens meint Neptun es im Moment gut mit den Rettungsmöglichkeiten.

Heidi Berg


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