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Das Reichskommissariat Ukraine
07|12|2013



Inkompetenz aus dem Kanzleramt und dem Mainstreamjournalismus haben, bezogen auf die Ukraine, viele verflachende Gemeinsamkeiten.

Deutsche Botschaften im demokratischen Kostüm

Die Ukraine ist ein ordinäres kapitalistisches Land. In Russland herrscht der gewöhnliche Kapitalismus. Und die EU ist so herkömmlich kapitalistisch, dass dieser Zustand fast in Vergessenheit geraten ist. Jedenfalls in den Medien des kapitalistischen Deutschlands. Nicht die Durchgangspipelines auf ukrainischem Boden, die eine Kontrolle russischer Gaslieferungen ermöglichen, tauchen in der veröffentlichten deutschen Debatte um die ukrainische Revolte auf, nicht die größten Eisenreserven der Welt in der Ukraine spielen eine Rolle, oder gar das fette, ukrainische Marktvolumen von immerhin rund 46 Millionen Einwohnern, die zumeist noch keinen Golf haben, geschweige denn einen Mercedes. Nein. Wie schon beim Bandscheibenvorfall der Julia Tymoschenko ist es wahlweise die "Freiheit", die "Demokratie" oder die Annäherung an die "Europäische Union", die auf dem Spiel steht.

Nachdem die Mitgliedschaft der Ukraine in der NATO vorläufig gescheitert ist - für Unkundige: Die NATO ist diese Demokratiebeschleunigungsmaschine bekannt aus Libyen und Afghanistan - sollte das Land nun wenigstens in die Nähe der EU gerückt werden. Gäbe es im deutschen Mainstream einen Hauch von anständigem Journalismus, wäre längst die Frage gestellt, um welche EU es sich denn handelt. Um das antisemetische EU-Ungarn? Das korrupte EU-Griechenland? Das schwulenfeindliche EU-Kroatien, dessen klerikalfaschistische Vergangenheit nie bewältigt wurde? Das steuerhinterziehende EU-Belgien? Das EU-Frankreich der neuen Kolonialkriege? Das EU-England der Geheimdienste? Oder das EU-Deutschland mit dem Rettungsschirm-Parlament? Weil aber der deutsche Redakteur mit solchen Fragen wirklich überfordert ist, nimmt er aus der Schublade das Stereotyp vom guten Volk gegen den bösen Präsidenten, in Syrien und Libyen kaum gebraucht, und ist schwupps auf der Seite des Volkes. Wenn es denn weit genug weg ist. Dem eigenen traut er eher nicht.

Bei der letzten ukrainischen Präsidentschaftswahl 2010 setzte sich der Oligarchie-Vertreter Wiktor Janukowitsch mit 49 % gegen die Vertreterin der anderen Oligarchie-Gruppe um Julia Tymoschenko knapp durch. Die Wahlbeobachter der OSZE hielten die Abstimmung für korrekt. Es sind vor allem die Tymoschenko-Gruppe, die offen antisemitische Swoboda-Partei, und die Partei des politisierenden Boxers Vitali Klitschko, die in den Medien als Volk aufschimmern. Klitschko wird wesentlich von der "Konrad Adenauer Stiftung" unterstützt. Wenn mal jemand das Berliner Rathaus dauerhaft besetzen, tagelang den Alexanderplatz besiedeln und das Regierungsviertel blockieren würde, hätten die Damen und Herren der CDU-Stiftung längst nach der Bundeswehr gerufen. Aber wenn das gleiche in Kiew geschieht, dann attestiert die Stiftung dem ukrainischen Präsidenten einen "Weg ins Nichts". Und die FAZ sekundiert barmend: "Noch ist die Ukraine nicht gestorben".

Ziemlich gestorben ist die internationale Kompetenz des deutschen Journalismus. Das hat er mit seiner Regierung gemein. Die kann auch nur von Abschreibung bis Zollunion buchstabieren. Dass die Ukraine aus ihrer Erfahrung mit dem IWF - der hatte das Land in den 90er Jahren mit seiner "Schocktherapie" an die Wand gefahren - westlichen Wirtschaftsannäherungen misstraut, dass die historische Nähe zu Russland auch in den kosakischen Religions- und Befreiungskriegen gegen das katholische Polen liegt, dass immer noch eine Mehrheit der Ukrainer Russisch spricht oder zweisprachig ist, das alles will das offizielle Deutschland nicht wissen. Verstocktes Nichtwissenwollen auch gegenüber dem letzten, groß angelegten deutschen Besuch in der Ukraine: Das "Reichskommissariat Ukraine" bestand von 1941 bis 1945.

Die ukrainischen "Untermenschen" sollten auf Dauer dem germanischen Obermenschen weichen. Hitlers Plan, in der Ukraine für 20 Millionen Deutsche "Lebensraum" zu schaffen, scheiterte nur an der Kriegsniederlage. Bis dahin ermordete die deutsche Macht mal eben ein paar hunderttausend ukrainische Juden und brachte in den 180 Todeslagern, die sich auf dem Boden der Ukraine befanden, an die 1,4 Millionen sowjetischer Kriegsgefangener um. Die Deutschen plünderten das Land in den Hungertod und legten bei ihrem Rückzug Dörfer, Städte und Industrieanlagen in Schutt und Asche. Das hindert die geschichtsvergessene deutsche Kanzlerin nicht, die ukrainische Regierung zu warnen und ihren Sprecher drohen zu lassen: Von den pro-europäischen Kundgebungen gehe eine "sehr klare Botschaft" aus. Es sind solche Botschaften aus Berlin, deren Arroganz nur mühsam von einem demokratischen Mäntelchen bedeckt werden und deren ökonomischer Kern durch die Löcher des Europa-Schleiers unschwer zu erkennen sind.

Uli Gellermann

Quelle: Rationalgalerie


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